Teil 2: Forschungsdesign

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Die Policy: Die Anhebung der Hinzuverdienstgrenze nach Renteneintritt

Durch die Covid-19-Pandemie kommt es aufgrund von Erkrankungen und Quarantäneanordnungen in vielen Bereichen wie beispielweise in den Wirtschaftsbereichen Gesundheit, Transport und Ernährung zu Personalengpässen (Bundesregierung 2020). Um diesen besonders hohen Bedarf an Personal bewerkstelligen und bereits in Rente befindliches Personal leichter rekrutieren zu können, hat die Bundesregierung im Rahmen des Sozialschutzpakets 1 die für das Jahr 2020 geltende Hinzuverdienstgrenze nach Renteneintritt angehoben. Während diese 2019 noch bei 6.300 Euro jährlich lag, wurde für das laufende Kalenderjahr nun eine Obergrenze von 44.590 Euro jährlich festgelegt. Hierbei ist aber zu betonen, dass diese vergleichsweise enorm hohe Obergrenze lediglich für das Kalenderjahr 2020 gilt. Ab dem Jahr 2021 tritt dann wieder die bisher bekannte Hinzuverdienstgrenze von 6.300 Euro pro Kalenderjahr in Kraft.

Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (2020)

Auf dieser Grafik des Instituts der deutschen Wirtschaft ist die Zahl der versorgungsrelevanten Berufe je Sektor und deren Corona-bedingtes Engpassrisiko dargestellt. In den Sektoren Gesundheit, Transport und Verkehr und Ernährung ist die größte Zahl an versorgungsrelevanten Berufen zu verzeichnen. Ebenfalls findet sich in diesen Sektoren das größte Risiko von Corona-bedingten Fachkräfteengpässen wieder.


Die Forschungsfrage:

Hat die Anhebung der Hinzuverdienstgrenze nach Renteneintritt in Deutschland dazu geführt, dass mehr FrührentnerInnen einer Erwerbstätigkeit allgemein sowie einer Erwerbstätigkeit in Sektoren mit Personalengpässen nachgegangen sind?

Hiermit wollen wir untersuchen, ob die von Regierung definierten Ziele dieser Policy erreicht wurden.


Was ist eine Hinzuverdienstgrenze?

Wer die Regelaltersgrenze erreicht hat, kann grundsätzlich unbeschränkt dazu verdienen. Bei vorgezogenen Altersrenten, wenn der Renteneintritt vor Erreichen der Regelaltersgrenze erfolgt, kann die Höhe der Rente von einer Beschäftigung beeinflusst werden. Hier greift die Hinzuverdienstgrenze. Diese definiert eine Grenze, bis zu welchem Jahresgehalt ein Verdienst nach frühzeitigem Renteneintritt nicht auf die Rente angerechnet wird. Wird sie nicht überschritten, kommt es zu keiner Kürzung und der Betroffene erhält die Vollrente. Wird sie jedoch überschritten, wird der Verdienst auf die Rente pauschal um 40 Prozent angerechnet und der Betroffene erhält lediglich eine Teilrente.

Als Hinzuverdienst gelten „Bruttoentgelt, steuerrechtlicher Gewinn (z.B. Einkünfte aus einem Gewerbebetrieb oder Land- und Forstwirtschaft) sowie vergleichbare Einkommen wie Vorruhestandsgeld.“ (Deutsche Rentenversicherung o.J.)


Das theoretische Argument:

Durch die Covid-19-Pandemie entstanden besonders in den Wirtschaftsbereichen Gesundheit, Transport und Ernährung Personalengpässe (Bundesregierung 2020). Weitaus am stärksten betroffen ist hier der Gesundheitssektor, bei welchem die Pandemie den schon zuvor stark ausgeprägten Personalmangel noch einmal immens verschärft hat (Bayerischer Rundfunk 2020, Institut der deutschen Wirtschaft 2020).

Um diesen Engpass zu beheben, wurde die Hinzuverdienstgrenze für FrührentnerInnen angehoben, um diese als zusätzliche Arbeitskräfte zu rekrutieren. Die neue Regelung ermöglicht den betroffenen FrührentnerInnen hohe Einkommenszuwächse zuzüglich ihrer vollen Frührente und macht es wahrscheinlich, dass diese vermehrt einer Erwerbstätigkeit nachgehen werden, zumal die Regelung lediglich für das Kalenderjahr 2020 gilt.


Die Hypothesen

H1: Die Anhebung der Hinzuverdienstgrenze (UV) erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass mehr FrührentnerInnen einer Erwerbstätigkeit (AV1) nachgehen.

H2: Die Anhebung der Hinzuverdienstgrenze (UV) erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass mehr FrührentnerInnen einer Erwerbstätigkeit in Wirtschaftsbereichen mit Personalengpässen (AV2) nachgehen.

Hierbei vermuten wir unsere unabhängige Variable, die Anhebung der Hinzuverdienstgrenze als entscheidenden Faktor, falls sich eine Zunahme der Erwerbstätigkeit von FrührentnerInnen abzeichnen lässt. Bezüglich der abhängigen Variablen muss einerseits untersucht werden, ob sich eine allgemeine Zunahme der Erwerbstätigkeit, andererseits, ob sich eine Zunahme der Erwerbstätigkeit in Wirtschaftsbereichen mit Personalengpässen erkennen lässt. Letzteres ist vor allem für die Evaluation der Policy notwendig, da sich die Effektivität einer Policy daraus ergibt, ob sie ihre im Vorhinein definierten Ziele erreicht, was im Falle der Hinzuverdienstgrenze das Ziel der besseren Bewerkstelligung von Personalengpässen ist.


Die Konzeptspezifikationen

Die Konzepte des Forschungsdesigns „Hinzuverdienstgrenze“ (UV) und „Zunahme der erwerbstätigen FrührentnerInnen“ (AV) haben wir wie folgt definiert:

UV: Hinzuverdienstgrenze von 44.590€
AV1 zu Hypothese 1: Prozentualer Anstieg der erwerbstätigen FrührentnerInnen im Kalenderjahr 2020 im Vergleich zum Kalenderjahr 2019
AV2 zu Hypothese 2: Prozentualer Anstieg der erwerbstätigen FrührentnerInnen nach Sektor im Kalenderjahr 2020 im Vergleich zum Kalenderjahr 2019.

Für welche Grundgesamtheit soll das Argument gelten?

Die Grundgesamtheit dieses Forschungsdesigns sind alle FrührentnerInnen Deutschlands. Wir ziehen als Datengrundlage die Erhebungen der Deutschen Rentenversicherung sowie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales heran. Hier erhalten wir optimalerweise die genauen Zahlen der erwerbstätigen FrührentnerInnen in Deutschland im Kalenderjahr 2019 und im Kalenderjahr 2020.


Welche Methode ist für die Evaluation geeignet?

In einem Vorher-Nachher-Vergleich werden die tatsächlichen, beabsichtigten und unbeabsichtigten Wirkungen eines Programms vor der Implementation des Programms und nach der Implementation des Programms gemessen. Die Unterschiede zwischen den Vorher- und Nachhermessungen werden dem Einfluss des Programms zugeschrieben.

Für die Evaluation der Anhebung der Hinzuverdienstgrenze ist ein Vorher-Nachher-Vergleich geeignet, bei welchem die FrührentnerInnen in Deutschland zuerst Kontrollgruppe im Kalenderjahr 2019 und danach Interventionsgruppe im Kalenderjahr 2020 sind. Hierbei müsste bei vorliegender Effektivität der Hinzuverdienstgrenze eine zunehmende Beschäftigungszahl von FrührentnerInnen im Kalenderjahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen sein (AV1). Vor allem müsste jedoch eine zunehmende Beschäftigungszahl von FrührentnerInnen in den Sektoren mit Personalengpässen (AV2), sprich Gesundheit, Transport und Ernährung, vorzufinden sein. Diese Vorgehensweise ist geeignet, um festzustellen, ob es einen Anstieg der erwerbstätigen FrührentnerInnen allgemein und einen Anstieg der erwerbstätigen FrührentnerInnen spezifisch in Sektoren mit Personalengpässen gab.


Teil 3: Kritik und Diskussion am Forschungsdesign

Herausforderungen und SchwierigkeitenMöglichkeiten zum Umgang mit Schwierigkeiten
Da durch die Corona-Pandemie alte Menschen stärker gefährdet sind als junge, ist es denkbar, dass im Jahr 2020 eine größere Anzahl von FrührentnerInnen ihre bisherige Erwerbstätigkeit beendet hat als in vorherigen Jahren. Diese Abgänge könnten die Gesamtanzahl der erwerbstätigen FrührentnerInnen übermäßig beeinflussen und die Ergebnisse verzerren. Um Verzerrungen zu vermeiden, könnten ausschließlich die Neuzugänge der erwerbstätigen FrührentnerInnen in beiden Jahren betrachtet werden. Dabei sollte außerdem der Anteil an allen FrührentnerInnen berechnet werden, um die Werte aus verschiedenen Jahren vergleichbar zu machen. Eine Möglichkeit wäre auch, lediglich die Zeit ab dem Inkrafttreten der Anhebung der Hinzuverdienstgrenze in beiden Jahren zu vergleichen, um für das Jahr 2020 die Effekte tatsächlich auf das Treatment zurückführen zu können.
Durch den Vergleich des Jahres 2019 (Kontrollgruppe) mit dem Jahr 2020 (Treatmentgruppe) ist die Bildung einer doppelten Differenz nicht möglich. So lässt sich nicht komplett ausschließen, dass der im Jahr 2020 beobachtete Effekt nicht ohnehin, d.h. ohne Treatment, aufgetreten wäre.Die Einteilung der FrührentnerInnen in Kontroll- und Treatmentgruppe gestaltet sich schwierig, da die Grundgesamtheit der FrührentnerInnen dem Treatment ausgesetzt ist und potentiell eine Erwerbstätigkeit aufnehmen bzw. diese ausdehnen könnte. Ein Vergleich des Treatment-Jahres 2020 mit weiteren Kontroll-Jahren (vor als auch nach 2020) könnte allerdings zu einer höheren Robustheit der Ergebnisse führen.
Die Corona-Pandemie wirkte sich auch drastisch auf die Lage der Wirtschaft und damit der Lage am Arbeitsmarkt aus. In vielen Bereichen wurden Stellen gekürzt oder gestrichen. Dabei waren teils auch die Bereiche, in denen es im Zuge der Corona-Pandemie oft Personalengpässe gab, betroffen (auch Krankenhauspersonal wurde bspw. in Kurzarbeit geschickt).Um eine Verzerrung der Ergebnisse durch andere Einflüsse zu vermeiden, könnten Kontrollvariablen in die Analyse eingebunden werden. Denkbar wären bspw. die Anzahl der Kurzarbeiter in den betrachteten Sektoren, die Zahl der offenen Stellen in den betrachteten Sektoren etc.
Aus einem Anstieg der erwerbstätigen FrührentnerInnen im Jahr 2020 im Vergleich zum Jahr 2019 ließe sich zwar durchaus schlussfolgern, dass dies auf die Regelung zur Hinzuverdienstgrenze zurückzuführen ist. Die tatsächlichen Beweggründe können jedoch durch diese Methode nicht abgelesen werden.Um einen Anstieg der erwerbstätigen FrührentnerInnen tatsächlich auf die Regelung zur Hinzuverdienstgrenze zurückführen zu können, würde sich bspw. eine Ergänzung der quantitativen mit qualitativen Methoden anbieten. Hierzu könnte eine Stichprobe der FrührentnerInnen nach ihren Beweggründen für die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit gefragt werden.

Quellenverzeichnis:

  • Bernauer, Thomas et al. (2015): Einführung in die Politikwissenschaft. 3. Auflage. Baden-Baden: Nomos, S. 64-69.

  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2020): Gesetz für den erleichterten Zugang zu sozialer Sicherung und zum Einsatz und zur Absicherung sozialer Dienstleister aufgrund des Coronavirus SARS-CoV-2 (Sozialschutz-Paket). https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Gesetze/sozialschutz-paket-gesetz.pdf?__blob=publicationFile&v=3, Stand: 28.7.2020.

  • Bundesregierung (2020): Schutz für Selbstständige und soziale Dienste. https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/sozialschutz-paket-1733494, Stand: 28.7.2020.

  • Deutsche Rentenversicherung Bund (2019): Rentenversicherung in Zahlen. http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Alter-Rente/Datensammlung/PDF-Dateien/abbVIII23.pdf, Stand: 28.7.2020.

  • Deutsche Rentenversicherung Bund (2020): Rente, Hinzuverdienst und andere Einkommen. https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Rente/In-der-Rente/Hinzuverdienst-und-Einkommensanrechnung/hinzuverdienst-und-einkommensanrechnung_node.html, Stand: 28.7.2020.

  • Diestelmann, Esther; Haas, Julia (2020): Coronavirus: Kliniken bereiten sich auf Personalengpässe vor. In: BR. https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/coronavirus-kliniken-bereiten-sich-auf-personalengpaesse-vor,RtEDWgV, Stand: 28.7.2020.

  • Ely, Henry (2020): Rente mit 63 oder jünger: Diese Voraussetzungen müssen erfüllt sein. In: Finanzen.net. https://www.finanzen.net/nachricht/geld-karriere-lifestyle/fruehrente-ohne-abschlaege-rente-mit-63-oder-juenger-diese-voraussetzungen-muessen-erfuellt-sein-8172656, Stand: 28.7.2020.

  • Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (2020): In der Corona-Krise drohen Engpässe. https://www.iwd.de/artikel/in-der-corona-krise-drohen-engpaesse-468334/, Stand: 28.7.2020.

  • Scharf, Mario (2020): Hinzuverdienst / 2 Hinzuverdienstprüfung. In: Haufe. https://www.haufe.de/personal/haufe-personal-office-platin/hinzuverdienst-2-hinzuverdienstpruefung_idesk_PI42323_HI10733563.html, Stand: 28.7.2020.

  • Waschinski, Geogor (2019): Geldnot oder Fachkräftemangel? Warum die Zahl der arbeitenden Rentner in Deutschland steigt. In: Handelsblatt. https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/sozialpolitik-geldnot-oder-fachkraeftemangel-warum-die-zahl-der-arbeitenden-rentner-in-deutschland-steigt/24919200.html?ticket=ST-11719271-XdglEzn2FKUMteLFZ2OX-ap2, Stand: 28.7.2020.

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