1. Forschungsfrage

Hat die Corona-Warn-App seit ihrer Veröffentlichung ihr volles Potential ausgeschöpft?


2. Theoretisches Argument, Ableitung von Hypothesen und dessen Prüfkriterien

Der Tracking-App gegen das Coronavirus wird in Südkorea ein maßgeblicher Einfluss zugeschrieben, die Infektionszahlen gering gehalten zu haben (Süddeutsche Zeitung 2020). Als Grund dafür wird unter anderem die frühe Einführung der App angeführt, weshalb diese Maßnahme auch von vielen Stellen in Deutschland und auch weltweit diskutiert und gefordert wurde (Tagesschau 2020, RND 2020, Handelsblatt 2020). So kam eine Studie der Universität Oxford zu dem Ergebnis, dass “die Epidemie gestoppt werden [kann], wenn 60 Prozent der Bevölkerung eine solche App verwenden und ihren Empfehlungen folgen” (Fraser et. al 2020). 

Der Intendierter Outcome (benchmark) der Bundesregierung zur Corona-Warn-App ist, dass die App dazu beiträgt, “Infektionsketten schneller und umfassender zu erkennen und effektiv zu unterbrechen.” (Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 2020).

So führt die App zu einer besseren Nachverfolgung und Durchbrechung von Infektionsketten, da Menschen, die Kontakt mit Infizierten hatten, auch ohne das Vorliegen persönlicher Daten informiert werden können.

Da wir aus praktikablen Gründen jedoch nur eine abhängige Variable untersuchen wollen, wird die Verringerung der Neuinfektionen sowie die Durchbrechung und Nachverfolgung von Infektionsketten in diesem Beitrag als volles Potential bezeichnet. Als Output wird dabei die Nutzung der App bzw. die Anzahl an Installationen der App gesehen. 

Wir argumentieren, dass höhere Nutzungszahlen der App zu einem höheren Potential der App führt und stellen folgende Hypothese auf: 

Nach aktuellem Stand (27.07.2020) gibt es 16,4 Mio. Downloads der Corona Warn-App (RKI), jedoch kann angenommen werden, dass die tatsächlichen Nutzungszahlen unter diesem Wert liegen. Wir argumentieren daher, dass die Corona-Warn App durch den vergleichsweise späten Zeitpunkt der Veröffentlichung, die freiwillige Nutzung sowie technische und sprachliche Zugangsbeschränkungen / Barrieren in der Entfaltung ihres vollen Potentials eingeschränkt ist. In anderen Ländern wurden Apps zu deutlich früheren Zeitpunkten als in Deutschland, wie beispielsweise zwischen Februar und April eingeführt. Die Warn-App in Deutschland wurde hingegen am 16. Juni eingeführt (Bundesregierung 2020). Außerdem war die App zu Beginn nur auf Deutsch und Englisch verfügbar, was schwierig für Teile der Bevölkerung sein kann, die andere Fremdsprachen als Englisch beherrschen. Die freiwillige Nutzung der App und Inkompatibilität mit einem nicht geringen Teil der Betriebssystemversionen und Softwarefehlern tragen ebenfalls zu einer Reduktion der Nutzerzahlen im Vergleich zu dem, was theoretisch möglich wäre, bei.

Entsprechend lassen sich folgende Unterhypothesen aufstellen, um das Ausmaß der Nutzung der Corona-Warn App zu untersuchen:


3. Konzeptspezifikationen

Variablen:

Konzeptualisierung / Variablen der Haupthypothese:

UV H: Nutzung der Corona-Warn App (Output)

AV H: Ausschöpfung des Potentials (Outcome)

Konzeptualisierung / Variablen der Unterhypothesen:

UV H1: (vergleichsweise später) Zeitpunkt der Veröffentlichung, 

UV H2: Sprachliche Barrieren, 

UV H3: Technische Barrieren, 

UV H4: freiwillige Nutzung, 

AV H1-H4: Nutzung der Corona-Warn App (Output)


4. Datenanalyse und Datenverarbeitung

Analysezeitraum: nach Veröffentlichung der App, über mehrere Monate → (Juni – Oktober 2020)

Grundgesamtheit: Bevölkerung in Deutschland 

Die Überprüfung kann anhand von quasi-experimentellen Methoden stattfinden.

Methoden zur Überprüfung der HypotheseSchwierigkeiten / Herausforderungen
Hypothese– Statististische Erhebung: Download- und Infektionszahlen in verschiedenen Ländern sammeln
– Treatment: zwei Gruppen, eine Gruppe nutzt App und eine nicht. anschließend Auswirkungen messen -> Neuinfektionen und der Durchbrechung und Nachverfolgung der Infektionsketten. 
– Matching von Personen, die App nicht nutzen können/wollen, mit Menschen die App nutzen (Matching mit möglichst ähnliche Person: Alter, Geschlecht, soziale Situation, Bildungsgrad, Beschäftigungssituation, Einstellungen im Bezug auf Corona (um möglichen bias zu verhindern)). Dann nach vergangener Zeit messen ob in der Gruppe mit App mehr Tests durchgeführt und Infektionen entdeckt wurden. Gründe: könnte ethisch vertretbar durchgeführt werden, Ausschluss von Kontrollvariablen wird einfacherer
– durch statistische Erhebung kann der Kausalpfad nicht gemessen werden, aber der Effekt.
– Downloadzahlen nur Indiz für tatsächliche Nutzung, hier kann es zu Verzerrungen kommen,  Infektionszahlen in verschiedenen Ländern teilweise nur Schätzungen -> ungenau.
– keine randomisierte Zuteilung bei quasi-experimentellen Untersuchungen
– Treatment ethisch kritisch zu sehen, außer Leute nehmen freiwillig teil (dann aber andere Probleme: wie Verzerrungen)
– bei Treatment + Matching: man kann Personen als Versuchsexperiment nicht anstecken, um Infektionsketten nachzuverfolgen (ethisch fragwürdig!). Stattdessen muss man darauf warten, dass sie “von selbst” erkranken, um Effekte und Unterschiede zu messen. jedoch könnte Matching ethisch vertretbar durchgeführt werden, wenn eine Person die Corona Warn-App z.B. durch technische Voraussetzungen nicht herunterladen kann (kein Smartphone, altes Modell, nicht passendes / nicht aktualisiertes Betriebssystem) 
– viele unbeobachtbare Faktoren / Störterme
– differences in differences: Vergleich Deutschland (als Versuchsgruppe) mit anderem Land (als Kontrollgruppe), Versuchs- und Kontrollgruppe zu verschiedenen Zeitpunkten befragt (Längsschnitt), Unterschied muss konstant bleiben
-> möglich, aber Länderauswahl kann zu Verzerrungen führen, relativ aufwändig / teuer
-> deshalb andere Methoden sind besser für Messung geeignet. 
Methoden zur Überprüfung der UnterhypothesenSchwierigkeiten / Herausforderungen
H1– quantitativer Vergleich mit anderem Land, welches eine Corona-App früher eingeführt hat aber sonst auf ähnliche Maßnahmen zurückgegriffen hat (MSCD). Kontrollieren mit Land, das andere Maßnahmen verwendet hat (MDCD)
– Regressionsanalyse mit mehreren Ländern in der Effekt von Einführungszeitpunkt auf Nutzungszahl der App untersucht wird
– quantitativer Vergleich auch möglich als Messung und Analyse des Verlaufs von Downloadzahlen in anderen Ländern, daraus Schätzmodelle für DE entwickeln 
– bei quantitativen Vergleich wird nicht darauf Rücksicht genommen wird, wie die App in einem anderen Land aufgebaut ist und was für Funktionen sie bietet / wie sie funktioniert. Dafür müsste auf einen qualitativen Vergleich zurückgegriffen werden
– Fallauswahl nicht einfach bzw. nie perfekt zu bewerkstelligen
– Datenverfügbarkeit: vor allem Nutzungszahlen der verschiedenen Apps könnten schwierig zu bekommen sein. Infektionszahlen in verschiedenen Ländern teilweise nur Schätzungen
– Schätzmodelle ungenau. 
H2– Umfrage unter mehr- / fremdsprachigen Bürgern, ob sie Verständnisprobleme hatten / haben
– Nutzerdaten der App auswerten -> Wie stark und seit wann werden welche Sprachen genutzt?
– Sind die Download- / Nutzungszahlen nach Einführung weiterer Sprachen signifikant gestiegen?
– quantitativer Vergleich mit anderem Land, welches auf ähnliche Maßnahmen zurückgegriffen hat (MSCD). Prüfen, welche Auswirkung das Vorhandensein verschiedener Sprachen als Auswahl in der Corona Warn-App hat.
– Umfrage teuer, wie kontaktiert man vor allem  mehr- / fremdsprachigen Bürger?
– Sample Auswahl / Zusammenstellung schwierig, keine Kartei mit Sprachen verfügbar
– nach und nach Sprachen erweitert, das kann einerseits Ergebnisse verzerren, andererseits auf lange Sicht Chance für Datengrundlage sein (Sprachen + Nutzungsdaten) 
– Nutzungszahlen / Nutzerdaten vs. Datenschutz 
– Für MSCD müssen sich die Länder in ihrer Verteilung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Sprachen ähnlich sein, die App des anderen Landes muss aber zu Veröffentlichung der App schon über alle nötigen Sprachen verfügen -> Gibt es diesen Fall?
– Länderauswahl kann zu Verzerrungen führen
H3– Ebenfalls Umfrage, dieses mal unter Gesamtbevölkerung, ob man die App wegen technischer Barriere nicht nutzen konnte / kann
– qualitative Analyse, wie sich Fehler der App auf Nutzungsverhalten ausgewirkt haben
– alternativ: quantitativer Vergleich mit anderem Land, welches auf ähnliche Maßnahmen wie DE zurückgegriffen hat (MSCD). Kontrollieren, ob dessen App aber weniger / mehr technische Probleme aufweist und auf mehr Betriebssystemen verfügbar ist  
– Umfrage relativ teuer
– nach und nach könnten technische Barrieren behoben werden, das muss bei der Fragestellung beachtet werden + kann sonst verzerren
– Nutzungszahlen / Nutzerdaten vs. Datenschutz 
– Gibt es diesen Fall im MSCD? anderes Land muss quasi eine fehlerfreie / total fehlerhafte App haben. trotzdem oder gerade hier können andere Faktoren die Nutzung der App im anderen Land verzerren. 
H4– Befragung ob und warum die App genutzt wird
– Vergleich mit anderen Ländern. Wieder mit Hilfe von MSCD, MDCD
– Datenverfügbarkeit: vor allem Nutzungszahlen der verschiedenen Apps könnten schwierig zu bekommen sein. Infektionszahlen in verschiedenen Ländern teilweise nur Schätzungen
– MSCD schwierig, aufgrund kultureller Unterschiede zu fast allen Ländern
– Diskrepanz zwischen Nutzerzahlen und Gesamtgröße der Bevölkerung (unter Berücksichtigung von Menschen ohne Zugang zu Technik, die Nutzung der App erlaubt)

allgemeine Probleme / Herausforderungen

  • teilweise hohe Kosten der Untersuchung
  • sehr aufwändige Untersuchung
  • Potential schwer bestimmbar / messbar
  • Reale Effekte erst über einen längeren Zeitraum sichtbar
  • Nutzung der App demographisch verzerrt. 
  • Verfügbarkeit von Daten

Quellenverzeichnis

sueddeutsche.de (06.04.2020): Mit diesen Apps kämpft die Welt gegen das Virus. Online verfügbar unter https://www.sueddeutsche.de/digital/coronavirus-tracking-smartphone-app-ueberwachung-1.4869845, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

handelsblatt.com (10.04.2020): Koalition streitet über Pflicht zur Corona-App-Nutzung. Online verfügbar unter https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/eindaemmung-der-pandemie-koalition-streitet-ueber-pflicht-zur-corona-app-nutzung/25731978.html?ticket=ST-16315237-mylT35nOQMnFGJINCZJO-ap2, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

University of Oxford (16.04.2020): Coronavirus Research. Digital contact tracing can slow or even stop coronavirus transmission and ease us out of lockdown. Online verfügbar unter https://www.research.ox.ac.uk/Article/2020-04-16-digital-contact-tracing-can-slow-or-even-stop-coronavirus-transmission-and-ease-us-out-of-lockdown, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

tagesschau.de (08.05.2020): Kampf gegen Pandemie. Daran hakt es bei der Corona-App. Online verfügbar unter https://www.tagesschau.de/inland/corona-tracing-app-101.html, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

mdr.de (15.05.2020): Länder und ihre Corona-Apps. Online verfügbar unter https://www.mdr.de/wissen/mensch-alltag/die-verschiedenen-plaene-der-laender-fuer-eine-corona-app-100.html, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

faz.net (24.05.2020): Technik gegen Corona. Online verfügbar unter https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wie-staaten-in-asien-mit-technik-gegen-corona-vorgehen-16778862.html#technik-gegen-corona, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

spiegel.de (24.05.2020): Corona-Bekämpfung in Südkorea. Her mit den Bewegungsdaten. Online verfügbar unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/suedkorea-tracking-app-gegen-das-coronavirus-a-d834c63d-d308-466c-a77f-51d6c23e5e10, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

aerzteblatt.de (25.05.2020): Kritik an verspäteter Corona-Warn-App wird schärfer. Online verfügbar unter https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/113127/Kritik-an-verspaeteter-Corona-Warn-App-wird-schaerfer, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA) / (16.06.2020): Veröffentlichung der Corona-Warn-App. Online verfügbar unter https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/veroeffentlichung-der-corona-warn-app-1760892, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

rnd.de (17.06.2020): Eine neue Hoffnung? Virologe Drosten glaubt an Nutzen der Corona-App. Online verfügbar unter https://www.rnd.de/gesundheit/virologe-drosten-glaubt-an-nutzen-der-corona-app-eine-neue-hoffnung-YTTSRPLXN5LI443W2UCTII2MFQ.html, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

spiegel.de / Podcast von M. Kirsch (18.06.2020): Corona-Warn-App: Zu spät und nicht effektiv genug? „April wäre ein besserer Zeitpunkt gewesen“. Online verfügbar unter https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-warn-app-kommt-die-app-in-deutschland-jetzt-zu-spaet-a-fa7865e4-e040-4696-8f13-75a14edce1a7, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

rki.de (24.07.2020): Infektionsketten digital unterbrechen mit der Corona-Warn-App. Online verfügbar unter https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/WarnApp/Warn_App.html, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

zdf.de (24.07.2020) / Abbildung zur Forschungsfrage: Einstellung bei Warn-App: Was man wissen muss. Online verfügbar unter https://www.zdf.de/nachrichten/digitales/coronavirus-warnapp-fehlfunktion-android-100.html, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

tagesschau.de (27.07.2020): Corona-Warn-App. iPhone-Lücke war seit Wochen bekannt. Online verfügbar https://www.tagesschau.de/investigativ/corona-warn-app-121.html, zuletzt geprüft am 28.07.2020.

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